Communismus

Diese Seite bildet die Einleitung und Übersicht zu einer umfangreichen Auseinandersetzung über die Grundzügen der befreiten Gesellschaft. Die zugehörigen Beiträge sind:

Grundlagen communistischer Wirtschaftssteuerung und -planung

Communistische Produktivkräfte

Grundzüge der Re/Produktion der Commune

Grundlagen der Commune als Gesellschaftsform (In Arbeit)

Arbeit im Communismus (In Vorbereitung)

Stadt – Land – Commune (In Vorbereitung)

Programmatisches zur Debatte um die Grundzüge der befreiten Gesellschaft (In Vorbereitung)

Einleitendes

Der gegenwärtig geführte Dialog um die Grundzüge der staaten- und klassenlosen Gesellschaft greift eine Fragestellung wieder auf, die implizit oder explizit allen sozialistischen Strömungen des späten 19. und frühen 20. Jh. inhärent war. Der bürgerliche Staat als auch das kapitalistische Eigentum stehen kategorial in der Kritik und sollen überwunden werden. Durch welche Gesellschaft die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft jedoch ersetzt werden soll, ist ungelöster theoretischer wie praktischer Streitpunkt. Nach den historischen Niederlagen des revolutionären Sozialismus in den proletarischen Revolutionen des 19. und 20. Jh. in Europa und der Welt, trat eine historische Phase ohne revolutionäre Perspektiven und Bewegungen ein, welche bis heute andauert. Zwar wurde soziale Emanzipation nicht grundsätzlich auf Eis gelegt und auch die Klassenkämpfe waren nicht an sich verschwunden, jedoch ist die verbreitete Form dieser Bewegungen gegenwärtig reformistisch, während der revolutionären Perspektive der Emanzipation quasi keine historische Relevanz mehr zukommt. Diese „Sozialdemokratisierung“ der Emanzipation ist in den letzten Jahrzehnten an ihren historischen Hochpunkt und damit Endpunkt gelangt. Während die bürgerlich-rechtliche Gleichstellung mancherorts so gut wie vollendet wurde, ist die abstrakt herrschende Gewalt ebenfalls an ihrem Zenit angelangt. (Die Gleichzeitigkeit von bürgerlicher Emanzipation und totalitärer Gewalt ist dabei gerade kein Widerspruch. Die Kritik der totalitären „Freiheit“ des Kapitals ist jedoch nicht Gegenstand der hier formulierten Überlegungen, auch wenn sie implizit in diesen verwirklicht werden soll.)

Die revolutionäre Perspektive ist jedoch, dass haben die Niederlagen der proletarischen Revolutionen des 19. und 20. Jh.[1] gezeigt, kein Selbstzweck und kein Garant der gelingenden Emanzipation. Die bürgerliche Gesellschaft in ihren Grundfesten zu zerschlagen ist nicht identisch mit der Errichtung befreiter und klassenloser Verhältnisse, auch wenn zweiteres nur mittels ersterem geschehen kann. Eine revolutionär-emanzipatorische Reorganisation im 21. Jh. hat somit gleich auf mehreren Ebenen klare Linien zu ziehen. Abgrenzungen gegenüber falschen Revolutionen ebenso wie gegenüber falschen Freiheiten.

Im Kontext einer solchen linkssozialistischen (anarchistisch-kommunistischen) Reorganisation steht die gegenwärtige Debatte um die Grundzüge der befreiten, staaten- und klassenlosen Gesellschaft, weshalb die Debatte um einen weiteren Beitrag ergänzt werden soll. Gerade in Zeiten der multiplen Krise, der autoritären Krise, des Patriarchats, der Migration, der ökologischen Krise, der Wirtschaftskrise, der Gesundheitskrise, usw. gilt es als (radikale) Linke kollektive und solidarische Antworten zu finden[2]. Jedem Entwurf einer möglichen Zukunft gilt es daher die materiellen Krise der gegenwärtigen Gesellschaft zugrunde zu legen.

Um mögliche begriffliche Streitigkeiten vorweg zu umgehen noch ein Wort. Die Frage ob Anarchismus oder Kommunismus, bzw. deren vielfältige Differenzierungsformen ist hier nicht von Interesse. Die Bewegung der Befreiung bildet eine Einheit, denn Freiheit ist universell. Die historischen Streitpunkte sollen dabei nicht negiert werden, sondern bilden im Gegenteil die Basis der Entwicklung einer auf dem Stand der Zeit stehenden sozialrevolutionären Theorie und Praxis. Viele oder sogar alle hier besprochenen Ideen wurden so oder so ähnlich schon einmal formuliert. Vieles bezieht sich auf bestehenden Debatten und wird nicht wiederholt dargestellt. Alles hier formulierte will Teil einer Bewegung sein, die mit der herrschenden Unmöglichkeit eine bessere Welt auch nur vorzustellen radikal brechen will.

Einheit der Trennung

Jede vernünftigen Praxis – und nichts anderes kann unter Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse verstanden werden – ist zielgerichtet. Die Formulierung eines Ziels, noch dazu eines universell teilbaren und gültigen Ziels, ist somit selbst schon Aufgabe revolutionärer Praxis und ihrer Theorie. Das Ziel der Emanzipation ist kein an sich unbestimmtes, kein historisch willkürliches, sondern muss, soll es für sich, dem Subjekt der Emanzipation, auch tatsächlich dienen, den historischen Notwendigkeiten Rechnung tragen. Die Willkür des Lebens in Unfreiheit und Ausbeutung besteht gerade in seiner äußerst unwillkürlichen herrschaftlichen Basis, welche in der organisierten Verfügung über das Produkt gesellschaftlicher Arbeit, wie der herrschaftlichen Organisation der Reproduktion ihren Grund hat. Die Kritik der historisch-spezifischen Form dieser Herrschaft hat somit die implizite Grundlage des Ziels der revolutionären Emanzipation zu sein. Wenn die Politiker*innen heute wieder darüber sprechen die Ordnung müsse gewahrt werden, bevor Krisen gelöst und Katastrophen gestoppt werden, dann meinen sie genau das: Die herrschende Ordnung von Kapital, Staat und Patriarchat darf nicht angetastet werden und sei es auf Kosten tausender Menschenleben.

Diese historisch-spezifische Form der gesellschaftlichen Herrschaft unserer Tage ist das Kapital. Ihm als ökonomischer Grundform der bürgerlichen Herrschaft entsprechen die ideologischen Bewusstseins- und Organisationsformen der Gesellschaft. Das oberste Prinzip aller warenproduzierenden Gesellschaften ist die Aufrechterhaltung der Warenproduktion. Dieser hat sich die Reproduktion, die öffentliche Vorsorge und die politischen und zivilen Institutionen anzupassen und zu unterwerfen. In jeder Krise sind es die Büros, Einkaufszentren und Fabriken, die als letztes geschlossen und als erstes gerettet werden. Wie die Menschen zu Hause und mit ihren Kindern über die Runden kommen bleibt diesen mehrheitlich selbst überlassen.

Das Kapital bindet die Mittel und Methoden der Produktion von Lebensmittel und Reichtümern unter seinen Bann, unter seine eigenwilligen Zwecke. Die in der Epoche des Kapitals ausgefochtenen Kämpfe sind somit von zweierlei Art. Klassen- und Interessenkämpfe, welche in Form von identitären Interessen dem Gesetz des kapitalistischen Theaters folgen. Und revolutionäre Kämpfe, welche jedoch meist keine, selten jedoch geringen Einfluss auf die Breite und Tiefe der sozialen Kämpfe einnehmen. Die Kritik der Klassenstandpunkte und der Interessen ist das Feld der Ideologiekritik und damit gegenwärtig, spätestens seit den Niederlagen der proletarischen Revolutionen, das Kampffeld der Revolutionär*innen. Eigentlich jedoch, und dieses Wissen verschwindet rasch, sind es die pratkischen revolutionären Kämpfe selbst, welche den Revolutionär*innen von Interesse sind. Die Zeit stillstehenden revolutionärer Kämpfe trübt den Blick der Emanzipation und spaltet die Linke in allerhand sich wiedersprechender Strömungen und Differenzierungsformen, wo doch allen klar ist, dass es nur eine universelle Befreiung geben kann.

Hierzu schrieb Anton Pannekoek 1920 in „Weltrevolution und kommunistische Taktik“: „Aber trotz dieser Verschiedenheiten zeigt die deutsche Revolution einige allgemeine Züge und bietet einige Lehren allgemeiner Bedeutung. Sie stellt uns klar vor Augen, dass und durch welche Kräfte die Revolution in Westeuropa ein langsamer, langwieriger Prozess sein muss. Die Langsamkeit der revolutionären Entwicklung Westeuropas wenn sie auch nur relativ ist – hat einen Gegensatz von einander bekämpfenden taktischen Richtungen hervorgerufen. In Zeiten schneller revolutionärer Entwicklung werden taktische Differenzen durch die Praxis rasch überwunden oder kommen nicht zum Bewusstsein; intensive prinzipielle Agitation klärt die Köpfe auf, während zugleich die Massen zuströmen und die Praxis der Aktivität die alten Anschauungen umwälzt. Wenn aber eine Zeit der äußeren Stagnation eingetreten ist, wenn die Massen regungslos alles über sich ergehen lassen und die hinreißende Kraft der revolutionären Losungen gelähmt scheint; wenn die Schwierigkeiten sich auftürmen und der Gegner nach jedem Kampfe sich riesiger zu erheben scheint; wenn die Kommunistische Partei [Anmerkung: Die KP war für einen Teil der Linken die revolutionäre Organisationsform der damaligen Zeit] noch schwach bleibt und nur Niederlagen erleidet – dann entzweien sich die Anschauungen, werden neue Wege gesucht und neue taktische Mittel. Der Hauptsache nach treten dann zwei Tendenzen hervor, die in allen Ländern trotz lokaler Abweichungen zu erkennen sind. Die eine Richtung will durch Wort und Tat die Köpfe revolutionieren, aufklären und sucht dazu die neuen Prinzipien möglichst scharf den alten überlieferten Anschauungen gegenüberzustellen. Die andere Richtung versucht, die Massen, die noch abseits stehen, für praktische Tätigkeit zu gewinnen, will dazu möglichst vermeiden, was sie abstoßen könnte, und hebt statt des Gegensatzes vor allem das Verbindende hervor. Erstere erstrebt die scharfe klare Scheidung, die zweite die Vereinigung der Massen; die erstere wäre als die radikale, die zweite als die opportunistische Tendenz zu bezeichnen.“[3]

Der Opportunismus verzettelt sich in Scheinkämpfen und Sozialdemokratie. Der radikalen Richtung bleibt das Bewusstsein um die falsche gesellschaftliche Bedingtheit jeder gegenwärtigen Praxis und bewahrt somit das Wissen und die Notwendigkeit der sozialen Revolution.

Zusammenhang von Revolution und Emanzipation

Emanzipatorisch ist Revolution nur dann, wenn im Umsturz der bestehenden Verhältnisse die Herrschaft als Mittel, wie sämtliche Herrschaftsmittel beseitigt werden. Die Emanzipation hat ihren Ursprung demnach historisch in der Revolution, praktisch wie theoretisch folgt sie jedoch der Vernunft, der Selbstbestimmung des Individuums über sich selbst. „[…] der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“[4] Von der Verwirklichung von Vernunft und Autonomie in der Revolution hängt der emanzipatorische Charakter der Revolution ab.

Revolutionär ist wirkliche Emanzipation, da ohne grundsätzliche Zerschlagung und Auflösung der bestehenden Verhältnisse und deren Institutionen die Herrschaft und ihre Mittel nicht beseitigt werden können. Jedem Verlangen der Vernunft ist die bestehende Herrschaftsordnung Unordnung. Dass der Mensch Herr seiner Welt wie seines Bewusstseins werde, gelingt nicht ohne Negation des Bestehenden. Was schon ist, darf nicht weiter sein. Im Kapitalverhältnis existiert die „Vernunft“ als Positiv einer gesellschaftlichen Form. Die Kraft der Negation, der Kritik und damit der autonomen Vernunft, hat sich unter dem Kapital von seiner humanistischen Implikation gelöst und so west das Für-sich des autonomen Subjekts als trauriges An-sich des „automatischen Subjekts“ sein Dasein, während das Für-sich zum An-sich degradiert ist.[5] Das menschliche Subjekt, das freie Individuum hat seine emanzipative Kraft in den bürgerlichen Verhältnissen verloren. Ohne den revolutionären Bruch mit diesen Verhältnissen, welche die Mittel und Methoden der Emanzipation gefangen halten, kann von Emanzipation nicht die Rede sein.

Die historische Aufgabe der emanzipatorischen Revolution und damit revolutionären Emanzipation ist in diesem Sinne die Aufhebung der Kapitalform der Gesellschaft und der Abschaffung aller ideologischen Ausbeutungs- und Herrschaftszusammenhänge wie Geschlecht, Nation, Volk, usw. Die Bewegung der revolutionären Aufhebung ist die Einheit der scheinbaren Gegensätze im Überwinden der sie trennenden Form. Die Befreiung des Richtigen aus dem Falschen.

Weltcommune und Revolution

Der repressiven Einheit der kapitalistischen Weltgesellschaft steht die Weltföderation oder Weltcommune als Möglichkeit der freien Assoziation aller Menschen gegenüber. Der Verein freier Menschen wäre das Produkt des revolutionären Kampfes gegen jede Ausbeutung und jede Herrschaft und bildet so die konkrete Negation der falschen Totalität. Was aus heutiger, vorrevolutionärer Zeit über die Gesellschaft nach der Revolution gesagt werden kann, ist somit durch die Revolution selbst vermittelt. Die Theorie der Commune ist demnach immer auch Theorie der Revolution und umgekehrt. Die Revolution trennt die falsche Einheit des Ganzen und befreit die gesellschaftlich Einzelnen von der ungeheuren Last der herrschenden Verhältnisse.

Der Kampf um Befreiung ist dabei einzig als universelle Einheit aller um Befreiung kämpfenden Individuen und Zusammenhänge zu denken und zu machen. Die Trennung und Abschaffung der trennenden Herrschaft ist Einheit in Begriff und Kampf, in Theorie und Praxis. Der Erfolg der Emanzipation hängt an der einheitlichen Strategie der revolutionären Bewegung.

Trennung der Einheit

Der Kampf gegen Herrschaft unter dem Bann des Kapitals

Revolutionäre Befreiung bedeutet heute zunächst Trennung der trennenden Einheit der Herrschaft, des Kapitalverhältnisses. Die Widersprüche der bürgerlichen Un-Freiheit müssen im Kampf der Beherrschten und Unterdrückten praktisch freigelegt und überwunden werden. Die einzelnen Elemente der Aufklärung, der Organisation, der Revolte, der Militanz und in letzter Konsequenz der Entmachtung der herrschenden Verhältnisse und Kräfte stellen eine Seite der revolutionären Bewegung dar. Träger dieser befreienden direkten Aktion sind die unterdrückten Akteur*innen selbst. Generalstreik und Massenmilitanz ist die Waffe der Emanzipation. Diese Kämpfe sind gewiss nicht vorhersehbar, ihr Verlauf liegt im Moment ihrer selbst und dem Ausmaß der praktischen Solidarität unter den Kämpfenden. Ihre Umsetzung ist von der je spezifischen Konstellation der materiellen Kämpfe und des Bewusstseins der Kämpfenden abhängig.[6] Die aufhebende Bewegung bedarf jedoch, im Angesicht der realen Macht staatlicher und reaktionärer Gewalt, wiederum eines Zusammenschlusses, welcher die vereinzelten Kämpf zu einem solidarischen Kampf und Zusammenhang vereint. Nur im theoretischen wie praktischen Bewusstsein der Universalität und Solidarität der Emanzipation kann dem vereinzelten Kampf die revolutionäre Kraft zuteilwerden. Diese Einheit der Revolution ist zwar ebenfalls praktisch vom Verlauf der Kämpfe abhängig, jedoch unterliegt sie einem hohen Maß an theoretischer und strategischer Reflexion, denn in ihr hat sich das falsche Ganze von seinem historischen Fundament, der bürgerlichen Trennung der Gattung Mensch in Klassen und patriarchale, völkische und politische Ideologien zu emanzipieren. Die theoretische und strategische Form der revolutionären „Organisation“ ist entscheidend für den tatsächlichen praktischen Erfolg der Emanzipation. Ihre Umsetzung hat sich vor dem historischen Bewusstsein der Kritik der politischen Ökonomie, der geschlagenen Revolutionen, der Möglichkeit der autoritären Revolte und der fortgeschrittensten Ideologiekritik zu beweisen. In der Zusammensetzung der revolutionären Vereinigung hat das kritische Bewusstsein der negativen Dialektik aller bisherigen Emanzipation seinen Ausdruck zu finden. Die wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt, vereint Theorie und Praxis, wie sie sie die Kämpfe gegen einzelne Erscheinungsformen bürgerlicher Herrschaft zusammenführt und vereint.

Reform und Revolution

Aller Anfang der revolutionären Kämpfe ist die trennende Form der herrschenden Gesellschafts-un-ordnung. Die Partikularität der Kämpfenden, die Herabstufung emanzipatorischen Begehrens auf Identitäten und Interessen, ist der Hauptfeind der Kämpfe selbst. Die gesellschaftliche Form von Staat und Kapital binden mittelbar jedes Begehren, welches nicht dieser Form unmittelbar widerspricht. Aller Anfang revolutionärer Emanzipation muss somit das Bewusstsein um die Bedingtheit gesellschaftlicher Praxis (Politik, Protest, Kampf, usw.) sein. Das Bewusstsein um die Missstände der herrschenden Ordnung ist notwendig. Jedoch erwächst Emanzipation nicht aus dem Bewusstsein der Missstände, mindestens nicht wesentlich. Denn ohne kritische Reflexion der emanzipatorischen Intention (Willen zur Aufhebung der Missstände) auf die gewählten Mittel der Erfüllung dieser Intention (praktische Umsetzung der Aufhebung des Missstände), ist die Reintegration des guten Willens in die falsche Gesellschaft qua Form der praktischen politischen Mittel und Methoden schon gesetzt. Die Geschichte vieler emanzipatorischer Bewegungen ist von diesem Standpunkt die Geschichte der Integration egalitärer und sozialer Errungenschaften in die herrschende Gesellschaftsordnung. Die Perfektion von Herrschaft und Ausbeutung ist das dialektische Werk all jener, welche unter kapitalistischen Verhältnissen die Welt verbessern wollten und dabei die herrschende Ordnung nicht überwinden konnten. Viele soziale Bewegungen sind dem Beispiel der Sozialdemokratie gefolgt und wollten mit staatlichen und kapitalistischen Mitteln den Kapitalismus überwinden. Bis heute hält sich hartnäckig das falsche Bewusstsein, dass die Transformation der Gesellschaft ohne revolutionäre Kritik, Organisation und Kämpfe möglich sein. Gerade auf diese Gefahr hin muss sich jede revolutionär-emanzipatorische Bewegung selbst prüfen und reflektieren. Die Bestimmung der Grundzüge der befreiten Gesellschaft hat somit zunächst eine Kritik emanzipatorischer Praxis zu sein. Jeder ernstgemeinte Vorschlag zum Entwurf der befreiten Gesellschaft hat unter dem Messer der schärfsten Kritik zu bestehen. Jede Form der Organisation der Revolution, hat in ihrem wesentlichen Kern die Aufhebung des Kapitals, des Staates, des Patriarchats und aller anderen ideologischen Formen zu beinhalten. Das Finden einer gemeinsamen, revolutionären Sprache ist selbst die erste Form der Praxis.

Soweit zur philosophischen Bestimmung des Problems. Materialistische Kritik kann jedoch nicht bei Philosophie verharren, ihr Wahrheitsgehalt hat sich als praktisches Mittel im Kampf um Emanzipation zu beweisen. Die Debatte um die Grundzüge der befreiten/ klassenlosen Gesellschaft begibt sich auf jenes Feld, wir wollen dies nun auch:

Organisation der Befreiung

Der freie und soziale Zusammenschluss der Menschen in der klassen-, staaten- und geschlechterlosen Commune ist das Ziel revolutionärer Emanzipation. Die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander müssen in einer völlig neuen, antiautoritären und damit wirklich – im emphatischen Sinne der Selbstverwaltung des nun befreiten Proletariats – „demokratischen“ Organisation neu geknüpft werden.  Diese endlich befreite Gesellschaft ist nur als selbstbewusster Zusammenschluss denkbar und möglich und hat daher drei Stufen:

Der materialistische Zusammenschluss im Geist der Commune: Die Kritik des falschen (weil durch Herrschaft und Ausbeutung bedingten) Bewusstseins ist die geistige Grundlage der Befreiung und der aus ihr folgenden befreiten Gesellschaft. Die Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge der autoritären Gesellschaft bildet die geistige Grundlage, auf welcher dieser Zusammenschluss sich äußert. Erst mit der Kritik der gesellschaftlichen Kategorien von Identität und Interesse, den Grundformen des Kapitalverhältnisses, kann der universelle Charakter der Emanzipation in den Zusammenschluss einkehren. Der communistische Zusammenschluss wäre selbst logisches Resultat der dialektischen Negation. Wer Kapital nicht denken will, muss Communismus machen!

Der organisatorische Zusammenschluss folgt zugleich aus der materialistischen Kritik. Wer die fundamentale Kritik von kapitalistischem Bewusst-Sein teilt, kann mit Blick auf die Weltcommune den organisatorischen Zusammenschluss wagen. Dieser bestünde zunächst in der Zusammenführung der Begriffe. Die Alltagssprache unserer Tage ist die Sprache bürgerlicher Ideologie. In ihr gerinnt das praktische Bewusstsein der miteinander konkurrierenden Subjekte und befähigt zur – auch unter kapitalistischen Verhältnissen zwingend bestehenden – Kooperation. Doch so sehr Sprache auch verbindet, steht ihre gegenwärtige Form im Dienste des bestehenden Elends. Wo gesellschaftliche Tätigkeit nur als bezahlte Lohnarbeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit geleistet wird, fehlt auch jedes Bewusstsein für andere Formen der gesellschaftlichen Arbeit und der Möglichkeit der Abschaffung der Arbeit als Last. Wo es an Bewusstsein mangelt, fehlt auch der Sprach die inhaltliche Vermittlung der anderen Möglichkeiten. Der erste Schritt revolutionärer Organisierung muss somit das Finden einer Sprache der Befreiung sein. Die Communard*innen haben sich im Finden einer gemeinsamen Sprache von den vorgegebenen ideologischen Denkmustern allmählich zu emanzipieren. Wo Arbeit nicht weiter allein Lohn- oder Hausarbeit darstellt, kann an deren neuen sozialen Organisation gedacht und geknüpft werden. So könnte nach und nach jeder theoretischen Kritik der bestehenden Gesellschaft ein praktisch-organisatorisches Pendant geschaffen werden. Jedes herrschaftliche Verhältnisse wäre mit der passenden sozial-revolutionären Organisationsform zu überwinden. Die Debatte um die Grundzüge der befreiten Gesellschaft steht bereits in Prozess dieser Organisierung. Die kollektive Entfaltung einer freiheitlich-sozialistischen Perspektive steht voll und ganz im Versuch die Sprache der Revolution zu begründen und zu verbreiten.

Weiteres zur Kritik der herrschenden Zustände, den Bedingungen und Möglichkeiten der Gestaltung revolutionärer Entwürfe und den organisatorischen Zusammenhängen der Aufbaustrukturen des Commune findet sich im Beitrag „Programmatisches zur Debatte um die Grundzüge der befreiten Gesellschaft“ (Beitrag in Vorbereitung).

Der materielle Zusammenschluss wäre nun die sich frei verbindende Organisation, die Föderation der Autonomie. Als praktische Vereinigung kritischer und selbstbewusster, autonomer Individuen ließe sich die ganze menschliche Welt auf dem Fundament der solidarischen (einsichtigen und vernünftigen) Kooperation neu begründen. Als praktische Utopie der freien Welt steht die Weltcommune als höchste Form der freien Assoziation an letzter Stelle der Organisation der Befreiung. Doch erst mit dem utopischen Verständnis dieser Weltcommune lässt sich der schwere Weg der ihr vorrausgehenden Stufen revolutionärer „Organisation“ einschlagen. Anfang und Ende der Revolution stehen nicht unvermittelt. Revolutionärer/s Weg, Mittel und Ziel bilden eine dialektische Einheit in der das Ganze das Wahre wie das Unwahre zugleich stetig über sich hinausgetrieben wird.

Was in der kapitalistischen Welt als getrenntes erscheint, Staat und Gesellschaft, Politik und Ökonomie, Reproduktion und Produktion, Privates und Öffentliches, weiblich und männlich hätte als revolutionäre Form vereint aufzutreten. Der revolutionäre Befreiungskampf muss daher im Akt der Zerschlagung der alten Herrschaft die materielle Trennung der Gesellschaft von sich selbst, der Menschen von ihresgleichen aufheben. Neben dem sozialen Abwehr- und Zerstörungskämpfen trägt somit jede revolutionäre Bewegung den Keim einer neunen Gesellschaft in sich. Die in der revolutionären Bewegung sich entwickelnden Strukturen müssen bereits über die alte Gesellschaft hinausweisen.

Die Form der revolutionären Organisation ist somit explizit nicht politisch. Nicht der Zusammenschluss zur demokratischen Durchsetzung sozialer Interessen im Staat ist das Ziel, sondern die radikale und bedingungslose Selbstverwaltung aller privater wie gesellschaftlicher Belange durch die Menschen und ihre frei gewählten und sich stetig ihren Bedürfnissen anpassenden communistischen Organisationen, den Communen. Von Anfang an gilt es das Bewusst-Sein des eigenen wie kollektiven Alltags dem herrschenden Zugriff zu entziehen und sämtliche privaten wie gesellschaftlichen Belange nach den Anforderungen der Freiheit und des Communismus selbst zu organisieren. Näheres zur Commune als freiheitlich sozialistische Organisationsform findet sich im Beitrag  „Grundlagen der Commune als Gesellschaftsform“ (In Vorberetiung).

Transformation der Ware zu Reichtum

Der erste Schritt der Abschaffung der Warenform des Reichtums wäre die generelle Aufhebung der exklusiven Schranken des Privateigentums an den Mitteln und Resultaten der gesellschaftlichen Produktion. Der gesamte Komplex gesellschaftlich geteilter Arbeit hört auf Produktion von Mangel zu sein, wie sich seine formal-rechtlichen Begrenzungen auflösen. Anstelle des geld-äquivalenten Warentausches tritt die soziale Verteilung der Güter nach ihrem Bedarf. Die Zirkulation von Gütern hört auf ökonomische Tauschfunktion zu sein. Die waren-ökonomische Nachfrage löst sich auf und wird ersetzt durch die bedarf-ökonomische Nachfrage. Der Mangel hört auf individueller Mangel zu sein, wie sich die Befriedigung der Bedürfnisse aus dem gesamten Budget der von der Commune hergestellten Mittel bedienen kann. Der Mangel wird, wo er überhaupt noch existieren sollte, zu einem Mangel der Commune, der Einheit der gesellschaftlichen Re/Produktion. Das Individuum findet seine eigenen gesellschaftlichen Voraussetzungen der Freiheit in der freien Vereinbarung der Individuen über die sozial-ökologischen Produktions- und Verteilungsverhältnisses. Die Anerkennung und Befriedigung der Bedürfnisse der anderen ist die Bedingung der Anerkennung und Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“[7] ist ab dem ersten Tag der Commune und schon ihrer Aufbauorganisationen und -bestrebungen der Leitspruch der Revolution.

Die Vergesellschaftung der Re/Produktion zielt damit nicht primär auf eine neue Eigentumsstruktur oder klare Zuordnung von wirtschaftlichen Güter. Wesentlich ist, dass nicht weiter zu Geldäquivalenten getauscht wird und innerhalb der Commune andere Verteilungsprinzipien zum Ausdruck kommen. Die Zirkulation von Geld und Waren habt sich auf und reduziert sich auf eine rein logistische Funktion der Herstellung und Verteilung, welche als Produktions- und Distributionsapparat der Commune begriffen werden kann.  Auf diese Weise beweist die Commune ihren wahrlich sozialistischen Charakter. Die Nutzung von Land, Wohnraum, Stadt, Verkehrsmitteln, Energie, Kommunikation, Gesundheitseinrichtungen, Sportanlagen, Museen, Kinos, Theatern, usw., welche in die Commune eingegliedert werden, verliert unmittelbar sämtliche ökonomischen Beschränkungen. Ebenso entfällt von sämtlichen Mitteln der Lebensversorgung die ökonomische Schranke. (Über Konzepte und Probleme der exakten Verteilung von Verbrauchsgütern an anderer Stelle mehr.) Von heute auf morgen wäre diese radikale Aneignung/ Vergesellschaftung des gesellschaftlichen Reichtums als öffentlicher Reichtum möglich. Unmittelbar wären auch sämtliche finanziellen Tätigkeiten ihrer Grundlage enthoben. Banken, Versicherungen, Finanzverwaltung, Vermögensverwaltung, entsprechende Beratungsleistungen, Steuerapparate und Staatsbürokratie verlören ihre Funktion mit der Abschaffung des Geld-Wertes als gesellschaftlicher Kategorie.

Die Freigabe des öffentlichen Reichtums ist jedoch das einfache Element der Abschaffung der Warenproduktion. Denn mit der finanziellen Beschränkung, der Warenform, hat der wirtschaftliche Produktions- und Verteilungsapparat seine kapitalistischen Steuerungsfunktion verloren, welche nun von der Weltcommune durch communistische Planungs- und Steuerungsinstrumente ersetzt werden muss. Deren Entwicklung soll im Beitrag Grundlagen communistischer Wirtschaftssteuerung und -planung näher behandelt werden. Die Verwandlung und Überführung der kapitalistischen Produktionsmittel zu communistischen Produktivkräften und die Versöhnung des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit den ökologischen Anforderungen der Natur wird im Beitrag Communistische Produktivkräfte näher erörtert.


[1] Unter proletarischer Revolution sind hier alle Versuche der Befreiung von Staat, Kapital, Geschlecht, Volk, Nation und Rasse zu verstehen. Alle diese Befreiung eint, dass sie in der historisch-spezifischen Epoche nach der Etablierung der bürgerlichen Herrschaft und ihrer Welt- und Gesellschaftsordnung stattfanden und sich auf deren Spezifik beziehen.

[2] Diese Aufforderung scheint fast schon Konsens der Linken, weshalb hier nochmals explizit klar gemacht werden soll, dass ohne revolutionäres Begehren die Rede von Revolution mehr als nur eine Farce ist.

[3] Pannekoek, Anton; Weltrevolution und kommunistische Taktik (1920)

[4] Kant, Immanuel; Was ist Aufklärung? (1784)

[5] Zum Verständnis der verkehrten Form der kapitalistischen Gesellschaft siehe Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx.

[6] In den letzten Jahre haben eine Vielzahl an sozialen Kämpfen stattgefunden, in welchen sich Ansätze für den revolutionären Kampf der Gegenwart absehen lassen. Die Macht der Bevölkerung gegen Staat und Kapital als organisierte Herrschaft beginnt sich in neuen Taktiken, Bewegungen und mit neuen Kampfmitteln zu formieren. Die direkte Auseinandersetzung mit der Polizei ist dabei gegenwärtig das historische Experimentierfeld der sich befreienden Menschen. 

[7] Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, 21

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