Bemerkungen zum Artikel „Immer diese Widersprüche“ in der Jungle World
Zu finden unter: Immer diese Widersprüche
Der Beitrag zur gegenwärtigen Klima- und Naturschutzdebatte stellt die praktischen Schwierigkeiten von effektivem Schutz der ökologischen Grundlagen im Kapitalismus treffend dar. Solange sich individuelle Bedürfnisse als partikulares Interesse artikulieren, scheint der Wille zum Schutz der ökologischen Reproduktionsgrundlage ein unerfüllbares Lippenbekenntnis bleiben zu müssen. Interessant ist insbesondere die These zur Abschaffung des Kapitalismus, die Ivo Bozic wie folgt formuliert: „Denn zur Weltrettung zunächst die Abschaffung des Kapitalismus zu fordern, wäre wahrlich eine »Leugnung des Klimawandels«: Es würde bedeuten, davon auszugehen, dass wir unendlich viel Zeit hätten.“[1]
Die Abschaffung des Kapitalverhältnisses ist für Bozic folglich als langfristige Aufgabe gesetzt, vielleicht sogar als Unmöglichkeit. Diese Annahme impliziert jedoch das Verständnis der gegenwärtigen ökologischen Krise als gesellschaftsunabhängiges Phänomen. So als ob sich das, was im Zerfall der Ökosysteme, dem Artensterben, dem Verlust an Agrarflächen und dem Klimawandel ausdrückt unumgängliches Schicksal jeder Gesellschaftsform wäre. Auf dieser Grundlage ist es Bozic ein leichtes die Einzeldisziplinen des Naturschutzes gegeneinander auszuspielen.
„Klimaschutz-, Naturschutz-, Umweltschutz-, Tierrechtsbewegung – zwar sind am Freitag alle dabei, doch wird es konkret, haben sie zuweilen ganz unterschiedliche Interessen. Für den Umweltschützer ist der Fluss gut, wenn das Wasser wieder sauber ist, für den Naturschützer, wenn die Ufer renaturiert sind, für den Tierrechtler, wenn das Angeln verboten ist, für den Artenschützer, wenn vor allem bedrohte Arten darin ein Zuhause finden, der Klimaschützer sähe dort gerne eine Wasserkraftanlage – die gravierende Folgen für die Natur haben kann.“
Weil gesellschaftspolitisch das Bedürfnis nach Schutz der ökologischen Reproduktionsgrundlage in eine Vielzahl an Interessen zerfüllt, geht Bozic davon aus, dass diese Interessen sich in ihrem Kern wesentlich unterscheiden und widersprüchlich sind.
„Ist es aus Sicht des Klimaschutzes dringend notwendig, Kohlekraftwerke durch Windkraft und Bioenergie, also Energie aus Pflanzen, zu ersetzen, ist Windkraft aus Sicht des Artenschutzes ein Problem.“
Was der Beitrag von Bozic darstellt ist jedoch lediglich die Realität, wie sich gesellschaftliche Bewegungen formieren. Als mit gegensätzlichen und sich widersprechenden Interessen ausgestattete Partikularkämpfe, welche alle ihr jeweils eigenes Anliegen als höchstes und wichtigstes präsentieren. Die politische Repräsentation, von materiellen Bedürfnissen der Menschen, als partikulare Interessen ist jedoch wesentlich für die kapitalistische Gesellschaft. Dass sich die ökologische Krise als nur widersprüchlich – und damit überhaupt nicht – zu lösende Krise darstellt, liegt in ihrem ureigenen Ursprung, der warenproduzierenden Gesellschaft selbst. Was zur Krise geführt hat, lässt die Krise heute als unlösbar erscheinen. Die Kontrolle über die Ökosysteme der Erde und ihre Atmosphäre zurück zu erlangen liegt somit überhaupt nur in der Option das Kapitalverhältnis, Markt und Staat als zentrale gesellschaftliche Koordinaten zu überwinden. Die Abschaffung des Kapitalismus ist somit nicht nur keine „Leugnung des Klimawandels“, sie ist essenziell, soll mit dem Schutz der Natur ernst gemacht werden. Die hier aufgestellte These lautet folglich, dass die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise selbst das Ziel einer konsequenten Klimapolitik sein müsste. Die Möglichkeit, die Ökosysteme und die Erdatmosphäre auf einem dem menschlichen Leben zuträglichen Niveau zu stabilisieren, findet sich einzig in einer vom Sachzwang der Märkte befreiten Gesellschaft. Wo Arbeitsplätze mit der Realisierung von Profit und das Einkommen der Menschen von Arbeitsplätzen abhängt, ist der Spielraum globalen Naturschutz betreiben zu können eine Illusion, reiner Wahn, der einem Ökofaschismus nähersteht als die Aufrechterhaltung der materiellen Springquelle menschlicher Freiheit.
Exemplarisch lässt sich die Spezifik gegenwärtiger Umweltpolitik an folgendem Zitat darstellen: „Zu den Folgen der Klimapolitik gehört auch, dass für Bioenergie neue riesige Monokulturlandschaften entstanden sind.“ Klimapolitik ist primär Energiepolitik. CO² als Hauptbestandteil des menschenverstärkten Treibhauseffektes entsteht hauptsächlich in der Verbrennung fossiler Energieträger (Kohle, Öl und Gas) zur Erzeugung elektrischer, thermischer oder mechanischer Energie. Umweltschutz heißt auf klimapolitischer Ebene demnach die Erzeugung von Energie so zu gestalten, dass sie CO²-neutral ist, nicht mehr ausgestoßen wird, als im Produktionsprozess der Atmosphäre entzogen wird. Jedoch erschöpft sich Klimapolitik nicht in ihrer eigenen Disziplin. Energiepolitik muss spätestens dann in den Fokus der Klimapolitik rücken, wenn ersichtlich wird, dass der gegenwärtige Verbrauch an Primärenergie faktisch nicht nachhaltig, also CO²-neutral produzierbar ist. Fossile Brennstoffe bilden eine gewaltige Reserve an gebundener und leicht zugänglicher Energie. Mit ihnen ist es möglich eine Produktion zu errichten, welche mehr Energie verbraucht als durch nachhaltige und ökologische Produktion möglich wäre. Die kapitalistische Wirtschaft hat einen solchen Produktionsapparat errichtet. Nicht nur Energie wird in der globalen Warenproduktion mehr verbracht als nachhaltig produziert werden kann, auch Landflächen, Agrarfruchtbarkeit, Wasser, usw. werden in einer profitorientierten Wirtschaft nicht als gesellschaftliche Produktions- und Reichtumspotentiale genutzt, sondern irreversibel verbraucht und zerstört. Im Kern ist die ökologische Krise, von Klimawandel bis Artensterben, das Resultat einer Wirtschaft, die Natur nicht als ihre natürliche Grundlage nutzt, sondern diese für kurzfristige und unendliche Profite ausbeutet, übernutzt und damit irreversibel zerstört. Eine ausgestorbene Art wird auch dann nicht zurückkehren, wenn die Menschen beginnen zu wirtschaften, statt auszubeuten.
Ökologische Krise und „Natur“ im Kommunismus
Die kapitalistische Produktionsweise folgt neben der primären Verwertung des abstrakten Werts zu immer mehr abstraktem Wert, einer weiteren systemimmanenten jedoch an den Gebrauchswert gebundene Tendenz, der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit. (Beitrag hierzu folgt) Dies bedeutet im Grunde nichts anderes als, dass je geleisteter Arbeitszeiteinheit mit fortschreitender Entwicklung immer mehr materielles Substrat bewegt wird. Wo vor 100 Jahren noch hunderttausende Menschen in Stahlwerken Eisen kochten, wird heute von wenigen Spezialisten eine hundertfach größere Menge an Stahl in noch höherer Qualität produziert. Den Wert jedoch, den das Stahlwerk dabei verwerten kann, hat sich nicht erhöht. Vielmehr wird sich auf die gesamte Stahlbranche gesehen, bedingt durch den absoluten Wegfall von eingesetzten Arbeitskräften, der verwertete Wert sogar verringert haben. Für den ökonomischen Gesamtprozess bedeutet dies, dass mit steigender Produktivkraft zunehmend mehr materielles Substrat im Produktionsprozess eingesetzt werden muss. Jede Steigerung der Produktivkraft der Arbeit muss, um die dabei verwertete Wertsubstanz zumindest nicht sinken zu lassen, im Endeffekt zu einem erhöhten Durchsatz an Energie und sämtlichen sonstigen der stofflichen Welt entnommenen Rohstoffen führen.
Rein biochemisch oder physikalisch betrachtet, ist das menschliche Leben in einem stark begrenzten Spektrum an Zuständen in Erscheinung getreten. Was wir als Umwelt betrachten, wenn wir von Klimawandel oder Umweltverschmutzung reden, ist nichts weiter als der biochemische und thermodynamische Zustand der Erdoberfläche, sowie der Erdatmosphäre, die den Menschen ihr Entstehen als lebendige Wesen erst ermöglichte. Nur in diesem schmalen Zustand bietet die „Natur“ selbst die Grundlage für den stofflichen Reichtum der Menschen. Ackerbau und Viehzucht, die essenziellsten Lebensmittel der Menschen sind bis heute in großem Stil, und dieser ist Voraussetzung von Reichtum, nur unter diesen Bedingungen möglich.
Die kapitalistische Form des gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigungsapparats, untergräbt in Erscheinung von Klimakrise, Umweltverschmutzung und irreversibler Zerstörung ökologisch-produktiver Systemzusammenhänge, die biochemisch-stoffliche Basis der materiellen Reproduktionsfähigkeit der Menschen überhaupt. Es kann, dies ist objektive Notwendigkeit, unter kapitalistischen Verhältnissen keine lebenswerte „Umwelt“ geben. Die versursachten Krisen und Symptome sind nicht gemeistert, wenn die Warenproduktion überwunden, die Abschaffung dieser ist jedoch vorderste Voraussetzung diese Krisen jemals beilegen zu können.
Wer meint es ginge um das Leben überhaupt, die Fortexistenz der Menschheit oder sonstigen Schreckensszenarien liegt jedoch falsch. Dem Leben auf der Erde hat seit hunderten von Millionen Jahren der Wandel der Zusammensetzung der Atmosphäre kein Ende setzen können. Auch verteilen sich die Auswirkungen der Klimaveränderungen räumlich und zeitlich ungleich. Einzig der nötige Aufwand, die Versorgungssicherheit und die Wideraufbaumaßnahmen nehmen zu. Was die Menschen mühsam errichten, wird sich unter sich wandelnden klimatischen Bedingungen zunehmend als von kurzer Dauer erweisen. Es wird somit selbst zum Bedürfnis, ja zur bedürfnisbefriedigenden Voraussetzung, die „Umweltbedingungen“ in einem Bereich zu halten, der diesen Anforderungen entspricht. Wie überall, wo die Menschen bewusst oder unbewusst in den Naturprozess eingreifen, wir dieser selbst zum Teil der Menschen und ihrer Gesellschaft. Wo die Menschen begonnen haben, ohne zu wissen was sie tun, in die Zusammensetzung der Atmosphäre einzugreifen, als sie anfingen in großem Stil fossile Kohlenwasserstoffsenken zu entzünden, bleibt ihnen heute, im Nachhinein, nichts andres übrig als die Atmosphäre langfristig und planvoll ihren Bedürfnissen anzupassen. Sie ihren eigenen Ansprüchen zu unterwerfen, damit diese nicht weiter die Menschen, für die Atmosphäre reines materielles Substrat, unterwirft.
Bis heute, wo jegliches vernünftig-planvolles Handels unmöglich, bleibt „Umwelt“ bloßes Substrat, das einem einzigen Zweck dient, der Verwertung des Werts. Unter geänderten gesellschaftlichen Umständen könnte „Umwelt“ jedoch als das begriffen werden, was es letzten Endes auch ist. Die biochemisch-ökologische Realisierung eines naturwüchsigen Spektrums an möglichen Erscheinungen der Ersten Natur. Naturwüchsig wäre die „Umwelt“ dahingehend bloß noch, dass sie, ohne die Erscheinung selbst zurichten zu müssen, den Menschen dienlich wäre. Die Zusammensetzung der Atmosphäre zu regulieren, heißt den Ausstoß von Treibhausgasen zu regulieren, ist Beherrschung der Natur in kommunistischer Absicht. So wie die Menschen selbst der Warenproduktion entzogen werden müssen, muss es das materielle Substrakt, das zwar materiell und naturwüchsig, aber ebenso lebendig und lebensnotwendig ist. Das menschliche Leben kann nur in der Eingebundenheit in die Gesamtheit des Reproduktionsprozesses des Lebens auf der Erde überhaupt existieren. Diese zu schützen ist notwendiges Bedürfnis aller Menschen. Diesen Schutz zu realisieren einzig kommunistisch möglich.
Stoffwechselprozesse unter kommunistischer Assoziation
Was die vermeintlichen Experten heute zweifeln lässt, wie der Primärenergiebedarf der Menschheit nachhaltig gedeckt werden soll, erscheint unter den hier getroffenen Annahmen [Aufhebung des Privateigentums an den wesentlichen Produktionsmitteln, weltweite Assoziation in Absicht der Kontrolle, Koordinierung und planvollen Handhabung des Produktionsprozesses] in ganz neuem Licht. Wo nicht mehr das Kapital die Rechnung macht und komme was wolle die Fabriken Tag und Nacht laufen müssen, könnte in einer kommunistisch organisierten Planwirtschaft die Energie- und Stoffdurchsätze den nachhaltig vorhandenen Energie- und Stoffquellen entsprechen geregelt werden. Wo heute jährlich 100 Millionen neue Fahrzeuge die Fließbänder der Automobilweltmarktproduktion verlassen müssen, wäre ein völliger Produktionsstopp unter kommunistischer Organisierung selbst für Jahre möglich. Wo sich heute die Fahrzeuge ungenutzt stapeln und die Straßen verstopfen, wäre zunächst die Nutzungseffizienz der nicht mehr in Eigentum gepferchten Nutz- und Gebrauchsgegenstände zu erhöhen. Alle vorhandenen Fahrzeuge der heutigen Welt reichen vollkommen aus, die Bedürfnisse der Menschheit an Transport und Mobilität zu befriedigen. Allein der Anteil der Fahrzeuge, die einzig dazu genutzt werden Menschen zur Arbeit zu befördern, die Fahrzeuge herstellen ist gewaltig. Die gesamte moderne Gesellschaft ist ein einziger großer Produktionsmechanismus. Diesen irrationalen Produktionsmechanismus zu stoppen kommt der Abschaffung des Kapitals gleich. Den angehäuften Reichtum über Jahrzehnte nachhaltig zu nutzen könnte der Menschheit einen gewaltigen CO²-Puffer darstellen. Genutzt werden kann dieser jedoch nur in der Abschaffung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, welche erst zu dieser völligen Fehlallokation von Gebrauchsgüterkapazitäten führen.
Freiheit liegt nicht in der Beherrschung der ersten Natur, sie findet sich einzig in der Nutzbarmachung ihrer Reichtümer. Unter dem Diktat des Kapitals erscheint Reichtum jedoch, als wäre er der Natur bloß durch Unterjochung, Beherrschung und Ausbeutung abzuverlangen. Die Freiheit des Menschen selbst unterscheidet sich wenig von der der ersten Natur unter kapitalistischen Verhältnissen. Die erste Natur wird zum Gebrauchswert, das Individuum zur Charaktermaske. Hierin liegt der Grund warum diese Gesellschaftsform überwunden werden muss. Wenn Herrschaft sich zum reinen Selbstzweck erhoben hat, kann bloß die freie Assoziation an ihre Stelle treten. Ob die Menschen ihretwillen oder ihrer sie umgebenden, ihre Lebensgrundlage darstellende, Umgebungsbedingungen wegen, die Herrschaft beenden, ändert dabei recht wenig. Es ist ein und dieselbe Herrschaft, die Mensch und Natur unterjocht. In der Befreiung von Staat und Kapital liegt das Potential die ökologische Krise zu überwinden, den reaktionären Kräften den Wind aus den Segeln zu nehmen, sowie die Bedingungen zu schaffen, jedem Menschen sein Recht auf Freiheit tatsächlich zu verwirklichen.
Fussnoten:
[1] Bozic, Ivo: ‚Immer diese Widersprüche‘: Jungle World, 2019.